Wird damals wieder heute?

 

Das II.vatikanische Konzil war gerade zwei Jahre alt. 

Wir jungen Pfarrer waren in Aufbruchsstimmung. 

Man hatte uns vorbereitet auf das Wirken 

in einer Kirche mit offenen Fenstern auf die Welt. 

Offen für die Welt ohne von der Welt zu sein. 

Unser Traum war die Basiskirche, die brüderliche, solidarische Kirche,

nahe bei dem Leben der Menschen, 

ihren Bedürfnissen, Erwartungen, Nöten, Fragen und Ängsten. 

Unsere Erwartung war die mündige, jesuanische Kirche, 

nicht römisch, hierarchisch fernbestimmt,

von Verboten gelähmt und erlahmt,

sondern dem Ruf und der Stimme des Evangeliums folgend...

 

Unsere ersten Schritte waren ernüchternd.

Die Pfarrherren, unbewegt und unbeweglich,

die Kirchenmauern, fest und undurchdringlich,

die Liturgie steif und unverständlich, die Kirchenfeinde klar erkannt und fest im Blick...

 

Und doch bewegten wir uns

innerlich überzeugt und fest entschlossen  

und gingen unsere Wege, 

nicht  ohne Mühe und Unverständnis, 

nicht ohne Zurechtweisung, Abweisung und Hader 

aber im Einvernehmen mit zahlreichen Gleichgesinnten in Gesellschaft und Kirche. 

 

Aber was wussten wir vom Leben der Menschen und der Gesellschaft? 

Man hatte uns jahrelang  eingepfercht 

in das sichere, abgeschirmte Land der Theorien, 

der grossen ewig gültigen Ideen und Welterklärungen, 

der absoluten Wahrheiten und göttlichen Riten. 

Wir waren wie grosse Knaben in feierlichen Gewändern, 

überzeugt von der Kraft göttlicher Berufung, 

ausgestattet mit geistiger Vollmacht, 

anerkannte und geschützte Mitglieder eines hehren Standes, 

der über das Kirchenvolk herrschte.

Und so schlugen über uns zusammen die Wellen der menschlichen Wirklichkeiten, 

mit ihren Fragwürdigkeiten, Brüchen, Ungerechtigkeiten, 

Ausbeutungen, Auseinandersetzungen, Banalitäten 

und dem alltäglichen Leben der Menschen in Familie, Arbeit und Gesellschaft.

 

Wir plagten uns ab in den alten Kirchenstrukturen 

aber in uns war aufgebrochen und lebendig der Geist, der die Kirche neu prägen wollte. 

Uns begeisterten die zahlreichen christlichen Reformbewegungen, 

die vom II. vatikanischen Konzil inspiriert, 

die klerikal beherrschte, dogmatisch einengende Betreuungskirche 

in eine lebendige und lebenszugewandte Gemeinschaft umwandeln wollte.

Nicht von hoch oben und erhaben fern bestimmend

sondern offen und hilfreich  

für die Fragen, Ängste und brennenden Probleme der Menschen.

 

Wir hielten uns nicht an eingelaufene Muster, durchbrachen Verkrustungen

versuchten neue Wege, neue Zugänge…

Wir wollten uns in der Weltaktualität mitbewegen und etwas bewegen.

Auch die Institution Kirche bewegte sich weiter, aber rückwärts. 

Nach aussen grosse Kundgebungen, Ermahnungen, Einsprüche.

Nach innen lehramtliche Rückschritte und Einengungen.

Nacheinander wurden alle Fenster nach aussen wieder verriegelt. 

Lehre und Dogma über alles. 

Wahrheitskäfig zur Ehre Gottes. 

Ausschluss, Aussonderung und Härte, 

eingehüllt in barmherziges Gerede und Getue

 

Wird mit Papst Franziskus der Aufbruch von damals wieder Aufbruch von heute?

Seine Aussagen, Wege, Gesten, Öffnungen könnten die Kirche erneuern.

Sein populärer und vitaler Bund mit dem Kirchenvolk

machen Mut, erwecken Hoffnungen, geben neue Zuversicht,

öffnen Zugänge zu den Nöten und Ängsten der heutigen Menschen…

 

Die bevorstehende Familiensynode wird uns Aufschluss darüber geben.

Ob das mächtige konservative Netzwerk, das im Vatikan agiert,

diesen Papst entmachten kann, 

wird sich dort zeigen.