Zusammen leben lernen

 

Geht das durch abgeschirmte religiöse oder laizistische rechthaberische Zirkel? 

Braucht unsere vielschichtige, kosmopolitische Gesellschaft nicht vielmehr

ein neues gemeinsames Suchen nach zusammenführenden Lebenswegen

ausgehend von erprobtem Denken,

gestärkt durch  Dialog

getragen von gegenseitigem Respekt?  

 

Hier hilft kein Beharren auf Nischenbildung, geliefert von Nischenexperten. 

fixiert auf  ihre Gewohnheiten und erstarrt in ihren Überzeugungen 

seien sie religiös, philosophisch, agnostisch oder atheistisch. 

 

Anstatt Erfahrungen, Wissen, Können, eigene Überzeugungen

in einen zielgerichteten Dialog einzubringen 

wird die aktuelle Gestaltung des sogenannten Werteunterrichts 

oft durch sinnloses, borniertes, rechthaberisches Streiten

belastet und verzögert. 

 

Unsere Kinder und Jugendliche brauchen 

eine Wegbegleitung zu jenen gelebten Werten,

die in den heutigen Zeitumständen für sie hilfreich sind,

um in eine nicht mehr homogene Gesellschaft hineinwachsen zu können.

Eine Schulung zum gegenseitigen Respekt wird gebraucht.

  

Unsere heutige Welt braucht vor allem Menschen, 

die eigene Denkzirkel durchbrechend   

in die Fähigkeit hineinwachsen,

gestärkt in den eigenen Überzeugungen  

Hintergründe, Umstände, Beweggründe, Lebensregeln 

anderer Menschen zu erkennen und einzuschätzen.     

 

 

     

Da sitzen sie in ihren Roben und ehrwürdigen Posen, Berufene von ganz oben, lebenserfahren nach alter Tradition, durch und durch auf "Heil und Wohl" der Menschen ausgerichtet, beseelt von der ewigen Weisheit, in der Gewissheit übertragener Vollmachten, auserwählt nach heiligen Kriterien aber eingeschlossen in die Fänge eines erstarrten lebensfernen Systems, wo für ewig feststeht:  Eine vor Gott geschlossene Ehe kann nicht aufgelöst werden, auch wenn sie nur Leid und Qual bedeutet. Daran ist nicht zu rütteln. So steht es in der heiligen Schrift (Mk 10, 8-9). Einer zivilen Zweitehe verweigert die Kirche ( das sind die oben erwähnten) die moralische Anerkennung und qualifiziert sie als eine “irreguläre“ Situation, als „fortgesetzten Ehebruch“ oder als „hartnäckiges Verharren in einer offensichtlichen schweren Sünde", die vom Empfang der Sakramente  ausschliesst. An dieser ewigen Wahrheit kann (!) nicht gerüttelt werden. 

Also eine zivil geschlossene Zweitehe von Menschen aus dem normal menschlichen Leben wird auf diese Weise abqualifiziert obwohl die zweite Partnerschaft sich als gelebte Realität bewährt und sich - anders als die vor Gott geschlossene Ehe - als verlässliche Basis für ein dauerhaftes Zusammenleben der neuen Partner erweisen kann.

Kann man von diesen in das verordnete Zölibat eingegossenen Männern situationsgerechte, neue Schritte in dieser Angelegenheit erwarten?        

 

     

 Wird damals wieder heute?

 

Das II.vatikanische Konzil war gerade zwei Jahre alt. 

Wir jungen Pfarrer waren in Aufbruchsstimmung. 

Man hatte uns vorbereitet auf das Wirken 

in einer Kirche mit offenen Fenstern auf die Welt. 

Offen für die Welt ohne von der Welt zu sein. 

Unser Traum war die Basiskirche, die brüderliche, solidarische Kirche,

nahe bei dem Leben der Menschen, 

ihren Bedürfnissen, Erwartungen, Nöten, Fragen und Ängsten. 

Unsere Erwartung war die mündige, jesuanische Kirche, 

nicht römisch, hierarchisch fernbestimmt,

von Verboten gelähmt und erlahmt,

sondern dem Ruf und der Stimme des Evangeliums folgend...

 

Unsere ersten Schritte waren ernüchternd.

Die Pfarrherren, unbewegt und unbeweglich,

die Kirchenmauern, fest und undurchdringlich,

die Liturgie steif und unverständlich, die Kirchenfeinde klar erkannt und fest im Blick...

 

Und doch bewegten wir uns

innerlich überzeugt und fest entschlossen  

und gingen unsere Wege, 

nicht  ohne Mühe und Unverständnis, 

nicht ohne Zurechtweisung, Abweisung und Hader 

aber im Einvernehmen mit zahlreichen Gleichgesinnten in Gesellschaft und Kirche. 

 

Aber was wussten wir vom Leben der Menschen und der Gesellschaft? 

Man hatte uns jahrelang  eingepfercht 

in das sichere, abgeschirmte Land der Theorien, 

der grossen ewig gültigen Ideen und Welterklärungen, 

der absoluten Wahrheiten und göttlichen Riten. 

Wir waren wie grosse Knaben in feierlichen Gewändern, 

überzeugt von der Kraft göttlicher Berufung, 

ausgestattet mit geistiger Vollmacht, 

anerkannte und geschützte Mitglieder eines hehren Standes, 

der über das Kirchenvolk herrschte.

Und so schlugen über uns zusammen die Wellen der menschlichen Wirklichkeiten, 

mit ihren Fragwürdigkeiten, Brüchen, Ungerechtigkeiten, 

Ausbeutungen, Auseinandersetzungen, Banalitäten 

und dem alltäglichen Leben der Menschen in Familie, Arbeit und Gesellschaft.

 

Wir plagten uns ab in den alten Kirchenstrukturen 

aber in uns war aufgebrochen und lebendig der Geist, der die Kirche neu prägen wollte. 

Uns begeisterten die zahlreichen christlichen Reformbewegungen, 

die vom II. vatikanischen Konzil inspiriert, 

die klerikal beherrschte, dogmatisch einengende Betreuungskirche 

in eine lebendige und lebenszugewandte Gemeinschaft umwandeln wollte.

Nicht von hoch oben und erhaben fern bestimmend

sondern offen und hilfreich  

für die Fragen, Ängste und brennenden Probleme der Menschen.

 

Wir hielten uns nicht an eingelaufene Muster, durchbrachen Verkrustungen

versuchten neue Wege, neue Zugänge…

Wir wollten uns in der Weltaktualität mitbewegen und etwas bewegen.

Auch die Institution Kirche bewegte sich weiter, aber rückwärts. 

Nach aussen grosse Kundgebungen, Ermahnungen, Einsprüche.

Nach innen lehramtliche Rückschritte und Einengungen.

Nacheinander wurden alle Fenster nach aussen wieder verriegelt. 

Lehre und Dogma über alles. 

Wahrheitskäfig zur Ehre Gottes. 

Ausschluss, Aussonderung und Härte, 

eingehüllt in barmherziges Gerede und Getue

 

Wird mit Papst Franziskus der Aufbruch von damals wieder Aufbruch von heute?

Seine Aussagen, Wege, Gesten, Öffnungen könnten die Kirche erneuern.

Sein populärer und vitaler Bund mit dem Kirchenvolk

machen Mut, erwecken Hoffnungen, geben neue Zuversicht,

öffnen Zugänge zu den Nöten und Ängsten der heutigen Menschen…

 

Die bevorstehende Familiensynode wird uns Aufschluss darüber geben.

Ob das mächtige konservative Netzwerk, das im Vatikan agiert,

diesen Papst entmachten kann, 

wird sich dort zeigen.

 

 

 

 

 

      

     

 

 

 

 

 

 

Braucht es wirklich nur Barmherzigkeit?

 

Wir sind im Heilgen Jahr der Barmherzigkeit. Zeichenhaft wurden Türen aufgestossen zuerst in Bangui, dann ganz feierlich mit römischem Prunk in Rom. 

Die neuen Wege von Papst Franziskus sind uns bekannt. Und er spricht auf den Punkt, wenn er der vatikanischen Kurie ihre Krankheiten vorhält. Ein Haufen gottloser Bürokraten mit spirituellem Alzheimer… 

Aufbruch und Umbruch sind die prägenden Worte seiner Reden und seiner Schriften. Es nährt sich die Hoffnung, dass die Kirche neu ersteht…

Papst Franziskus ist grossartig in seinen Reden und Gesten bezüglich der flüchtenden, armen und hungernden Menschen, der Auswüchse des Finanzkapitalismus, der ausbeuterischen Wirtschafts- und Arbeitswelt, des drohenden Klimawandels…  

Aber es gibt noch mehr als all das: es gibt die einfache, alltägliche Existenz der Menschen mit ihren bedrückenden Ehe- und Beziehungsproblemen und vieles mehr.     Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit will Franziskus im Anschluss an die Familiensynode auch hier neue  barmherzige Zeichenhandlungen setzen. Hoffentlich beinhaltet der Begriff Barmherzigkeit nicht nur milde Herablassung gegenüber sogenannten Sündern wie wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen… 

Diese Art von Barmherzigkeit richtet heute keinen Menschen in schwierigen Situationen mehr auf und wird den Umständen ihres Lebens nicht mehr gerecht. Sie belässt die Menschen unter der Fuchtel eines als göttlich proklamierten Gesetzes.   

 

Soeben lese ich in Publik-Forum: Das Opus-Dei-Mitglied Greg Burke  wird zum stellvertretenden Direktor im neu geordneten Vatikanischen Presseamt  und damit auch Sprecher von Papst Franziskus. Das passt doch nicht in das ganze Aufbruchsgerede.

Heute-zusammen-Kirche-sein

In Luxemburg sind die Verträge/Konventionen zwischen Politik und Religionsgemeinschaften unterzeichnet. Nun soll für die katholische Kirche eine neue Ära anbrechen. Eine Art Grundstein wurde gelegt. Die weiteren Schritte werden viel Kraft, Mut und Einsatz  verlangen. Die Besitzverhältnisse der Kirchenfabriken müssen neu erfunden werden - auch wenn, wie ich höre,  so manche uneinsichtig am Gewesenen klammern. Der Werte-Unterricht, der den Religionsunterricht ersetzen soll, muss erst konzipiert werden - trotz konträrer Meinungen und zäher Widerstände. 

Die anstehenden pastoralen Neustrukturierungen erfordern Bereitschaft, neue Ideen und viel Kraft. Das Heute-zusammen-Kirche-sein muss quasi neu erfunden und erprobt werden   Dafür aber muss der jahrzehntelange Reformstau durchbrochen und der Dialogdefizit  überwunden werden. Besonders müssten Tabou-Themen wie die Überwindung des Klerikalismus zugunsten einer geschwisterlichen Kirche, der freiwillige Zölibat, die Frauenordination, das bejahende Verhältnis zur Sexualität, die Aufhebung so mancher lebenslähmender Ausgrenzungen... zur Sprache kommen.  

Ob diese „Kirche für heute“ sich entwickeln wird, scheint mir angesichts meiner Beobachtungen nur schwer zu bewerkstelligen sein. Zu tief sitzt noch die von „Gott“ ermächtigte, im Lauf der Geschichte dogmatisierte „unfehlbare“ Anordnungs- Verordnungs- und Käfigsmentalität…