Lebenszeiten 

von 

Karin Jahr

 

 

Der Anfang 

 

Dann wenn alles gut gegangen ist 

wenn der kleine Mensch 

das kleine Kind 

in die Arme genommen 

und begrüßt werden kann 

dann ist das Leben voller Hoffnung 

voller Freude und Zuversicht 

und dem Himmel sei Dank 

wenn das Kind von guten Menschen 

umsorgt werden kann 

von Menschen auf die es 

ganz und gar angewiesen ist 

von denen es abhängig ist 

denen es ausgeliefert ist 

in seiner Kleinheit 

wenn es weiter begleitet wird 

von Menschen die ihm jederzeit beistehen 

und wenn es an der Hand genommen wird 

damit es mit frohem Mut wachsen kann 

und lernt dem Leben zu vertrauen 

dann ist Hoffnung gesät 

 

 

 

Jugendzeit 

 

Jetzt wachsen neue Kräfte im Körper 

der sich selber jeden Tag verändert 

der neu und stark wird 

das Wissen nimmt zu 

immer mehr lernen 

der Geist wird erweitert 

Erfahrungen kommen hinzu 

Neues erleben 

Pläne schmieden 

vorankommen 

ausprobieren 

erste Freundschaften schließen 

erste Liebesgefühle haben 

Enttäuschungen erleben 

trotzdem nicht aufgeben 

weiterkommen wollen 

oder alles hinwerfen wollen 

aber hoffentlich trotzdem 

seinen eigenen Weg finden 

hoffentlich nicht allein gelassen 

bei diesem abenteuerlichen Prozess 

hoffentlich von guten Freunden 

von guten Menschen begleitet 

in aller Freiheit 

 

 

 

Erwachsen sein 

 

Im Zenit des Lebens angekommen 

nun sind die Kräfte gebündelt 

alle Möglichkeiten stehen bereit 

die wichtigsten Ziele sind erreicht 

das was erstrebt wurde 

das was erreicht werden sollte 

ist vielleicht gelungen 

Zeit zum Dankbarsein 

es sich gut gehen lassen 

das Leben genießen 

neues Leben begleiten 

Freundschaften pflegen 

anderen Menschen beistehen 

es kann auch anders gehen 

Unglück kann Einzug halten 

das Zusammenleben 

kann schwierig werden 

der Partner sich neu orientieren 

die Kinder befremdende Wege gehen 

wenn Krankheiten das Leben abbremsen 

wenn eine Herausforderung 

nach der anderen kommt 

die Probleme erdrücken 

die Hoffnung schwindet 

wohl dem der Kräfte sammeln konnte 

und versucht weiter zu leben 

zu kämpfen 

 

 

 

Herbstzeit 

 

Eine goldene 

eine farbenfrohe 

eine gesättigte Zeit 

jetzt kann von dem Erkämpften 

dem Erworbenen 

und dem Gelebten 

die Ernte eingefahren werden 

wenn es gut geht 

die Herbstzeit kann gleichsam 

eine Wiedergutmachung eine Befriedung 

von früheren Schwierigkeiten sein 

zugleich können noch einmal 

Weichen gestellt werden 

vielleicht können manche Probleme 

doch noch gelöst werden 

oder es werden Lösungen 

für vorher Unlösbares gefunden 

wenn jetzt nicht aufgearbeitet wird 

was in Brüche gegangen war 

wenn nicht jetzt 

wann dann 

es ist die letzte Zeit 

für letzte Möglichkeiten 

 

 

 

Winterzeit 

 

Nicht jeden 

bewahrt der Hügel vor dem Winter 

am Leben bleiben und alt werden 

kann ein Geschenk 

eine Gnade sein 

wenn der Körper fähig bleibt 

wenn das eigene Leben 

in den eigenen Händen bleiben kann 

wenn wir es weiter selber gestalten können 

auch wenn vieles mühsam wird 

wenn wir nicht in Einsamkeit versinken 

wenn wir nicht allein gelassen werden 

nicht in Vergessenheit geraten 

bei unseren Nächsten 

wenn wir von Menschen umgeben bleiben 

Menschen mit denen uns viel verbindet 

Menschen die uns nahestanden 

die uns lieb waren 

die uns lieb geblieben sind 

mit denen wir viel erlebt haben 

die uns immer wichtig waren 

die uns wichtig geblieben sind 

für die auch wir wichtig sind 

dann ist Altwerden ein Segen 

bis zu unserem Abschied 

von dieser Welt 

von diesem Leben 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herrscherin GIER

 

„Es gibt keine Grenzen des Wachstums und des menschlichen Fortschritts

wenn Männer und Frauen frei sind ihrem Traum zu folgen“ proklamierte Reagan im Jahr1987

als Reaktion auf die Warnungen des Club of Rome „vor den Grenzen des Wachstums“

 

Und: der Kapitalismus warf den Turbo an. 

Globalisierung wurde als Recht und Freiheit definiert:

überall auf der Welt soll Geld verdient werden.

 

Das Welt- Menschenbild „Homo Oeconomicus“ soll jedes Geschehen prägen:

-die Natur wird zum Ressourcenlager

-Lebendiges wird zu Biomasse

-jedes Ding wird zur Ware

-jedes Bedürfnis wird zum Geschäftsfeld

 

Der  Mensch:

er wird zum Humankapital

 

Der Bürger:

er wird zum Kunden

 

Oberstes Gebot: Das Kapital muss bedient werden.

 

Und wehe dir wenn du es nicht schaffst: 

-dann fängt dich nichts und niemand auf

-dann fällst du ins Bodenlose

-du bist überflüssig geworden, wirst ausgeschlossen, marginalisiert, zum Abschaum.

 

Und so frass sich die GIER von oben nach unten:

der TURBOKAPITALISMUS ist deren endgültige Entfesselung.

Die GIER: ist systemisch bedingt, systemerhaltend und systemrelevant.

 

Die Mantra der GIER : WACHSTUM ÜBER ALLES:

Immer mehr produzieren, immer mehr, schneller, billiger konsumieren und wegwerfen.

 

Die Wettbewerbsfähigkeit über alles!

Der erbarmungslose Konkurrenzkampf nach dem Motto „Ich oder Du“

erzeugen eine Art Teufelskreis von GIER und NARZISSMUS, ANGST und WUT…

 

GIBT es ZEICHEN der HOFFNUNG?

Das Überleben unseres „GEMEINSAMEN HAUSES“, unserer Welt ist nur kollektiv möglich.

Ob es gelingen wird den herrschenden „ Kältestrom“ (Adorno) der GIER einzudämmen

und dem „Wärmestrom“ der EMPATHIE zum Durchbruch zu verhelfen?

Davon, so denke ich, hängt alles ab.

 

Behalten Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit  das letzte Wort,

auch wenn heute immer klarer, vielfältiger und eindringlicher 

von einer menschheitsbedrohenden Katastrophe gewarnt wird? 

 

Bleiben die Ideologie vom Überleben des Stärkeren, die seelenlosen Finanzmärkte, die unersättliche Triebfeder der GIER im 21. Jahrhundert an der Macht

um sozusagen  als Überlebensstrategie immer mehr Ressourcen 

für sich und die Seinen  anzuhäufen 

stehen wir mit Sicherheit vor

                                         einer tödlichen Sackgasse für alles Lebendige!

   

 

 

Ökonomisches Sklaventum

 

Wächst ein System immer weiter

das wir noch Kapitalismus nennen

das aber in Wahrheit schon lange

ökonomisches Sklaventum ist

Die Sklaven  wissen nicht dass sie Sklaven sind

sie kenne ihre Herren nicht, denn diese leben in einer Parallelwelt

und verstecken ihre unsichtbaren Ketten 

sorgfältig unter einem Haufen unverständlicher Gesetze

und auffällig ablenkendem Getue…

Wann werden wir wachgerüttelt von dem weltweiten Schadenausmass

der uns tagtäglich in Bild und Ton vorgeführt wird

 

Mir scheint dass viele Politiker sich dessen entweder nicht bewusst sind

oder sie fühlen sich machtlos, überfordert, eingebunden

oder sie nehmen es hin als unüberwindliche Tatsache

oder sie denken vor allem an die eigene Karriere

oder sie bewegen sich ohnmächtig in den vorgegebenen Zirkeln der Geldmächte

oder sie geniessen die Zuwendung der Geldherren

oder sie reiben sich auf 

in partei-internen Rivalitäten und Gerangel

in zwischen-parteiischem Machtgepoker

in gegenseitiger überheblicher Kleinrednerei

 

    

      

 

 

 Empörend

  • Billionen von US-Dollar durchlaufen Steueroasen oder lagern in ihnen. So entgehen den Staaten der Welt jährlich geschätzt mindestens 400 Milliarden US-Dollar
  • Arme Staaten leiden darunter unverhältnismässig. So verlässt beispielsweise in Subsahara-Afrika auf dunklen Wegen die Länder mehr Geld als durch Entwicklungshilfe oder ausländische Direktinvestitionen in sie hinein fliesst
  • Aber für die globalen Eliten, getragen von ihren „Werten“ sind diese Steueroasen-Konstrukte sinnvoll - gerechtfertigt - legal -  legitim. Keine Spur von illegal - kriminell. Gibt es zwei verschiedene Welten?
  • Und wo schwimmt, manövriert, schreit, weint, lügt, duckt sich, die Politik …Wo verharrt die staatliche Autorität ?
  • Liegt es daran, dass in der globalisierten Welt die Kapitalbeherrscher sich über alle Schranken hinweg entfesselt bewegen konnten während die Staaten,  grosse Einnahmen erhoffend, der Geldmacht keine staatlich übergreifende regulierende Systeme auferlegten?        

 

Deshalb

Weit davon entfernt 

nur Bedürftige zu sein, die auf Versorgung und Tafeln warten, 

sind arme Menschen 

zunächst und vor allem 

Menschen, die in ihrer Würde verletzt sind, 

deren Rechte nicht geachtet werden 

und die ihren politischen Einfluss nicht geltend machen können.

 

Armut zu bekämpfen bedeutet also immer auch, 

die Macht der Mächtigen zu beschneiden 

und die Armen mit Hilfe des Rechts aufzurichten.

Wer Armut nur als Defizit an materiellen Gütern deutet, 

der wird an Barmherzigkeit appellieren oder caritative Hilfe anbieten.

Wer Armut als Verweigerung von Menschenrechten deutet, 

der muß  die Menschenrechte und mehr Gerechtigkeit einfordern.

 

Denn

Armut zu bekämpfen erfordert, 

eine menschenrechtswidrige, gesellschaftliche und ökonomische Ordnung 

zu korrigieren 

und soziale Rechte 

zu verankern und durchzusetzen.

Oberstes Ziel aller Strategien und Programme zur Armutsbekämpfung

müssen die Menschenrechte sein 

denn arme Menschen sind Menschen, die um ihr Recht gebracht wurden…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Menschenrechte!?

Ich lese und träume: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das RECHT auf SOZIALE SICHERHEIT …“ 

Wo steht denn sowas? In der ALLGEMEINEN ERKLÄRUNG DER MENSCHENRECHTE Art 22

Und noch besser „soziale Sicherheit“ wird im Anschluss in Einzelrechten durchbuchstabiert:

  • einem Recht auf Arbeit
  • einem Recht auf angemessene Entlohnung
  • einem Recht auf Erholung
  • einem Recht auf einen Lebensstandard betreffend Nahrung, Kleidung,  Wohnung, ärztliche Versorgung
  • einem Recht auf Bildung

Armut entwürdigt, weil sie das Gefühl vermittelt nicht dazu zu gehören. In der Armutsdebatte wird der Streit um objektive oder scheinbar neutrale Zahlen geführt. Begriffe wie Beschämung, Entwürdigung oder Entrechtung tauchen nur selten auf. Und hier, an der verletzten Würde des Menschen knüpft der erste Artikel  der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte  an: “ Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“.

 

Wenn ich dann auch nur einen Blick in unsere globalisierte Welt und ihre kapitalistischen Machenschaften werfe, bleibt es ein Witz das Wort Menschenrechte zu gebrauchen.